Die kleine und mittlere Anwaltskanzlei in Zeiten der Digitalisierung

Der erste Artikel in meiner Blogserie beschäftigt sich damit, wo ich die kleine und mittlere Anwaltskanzlei im großen Meer der Digitalisierung heute sehe und in Zukunft vermute. Werden die kleinen Kanzlei-Inseln von den Brechern überrannt, werden ihre Strände durch die disruptiven Technologien abgetragen? Oder schieben sich die Landmassen zusammen, um gemeinsam besser standzuhalten?

 Ich habe hier auf meinem Schreibtisch keine Glaskugel, wüsste aber trotzdem gern, wohin die Reise geht. Also spiele ich Kundschafter und traue ich mich jetzt mal, mehr oder weniger qualifiziert zu raten. Wer Irrtümer entdeckt, darf sie behalten – oder gemeinsam mit mir drüber lachen.
Um es vorwegzunehmen: Im April 2016 bin ich für die Zukunft vieler kleinen und mittelgroßen Kanzleien eher pessimistisch. Wenn ich schlechte Laune habe, behaupte ich schon mal, dass wir im Jahr 2026 nur noch 80.000 zugelassene Anwälte haben werden. Dass werden meiner Vermutung nach diejenigen sein, die sich jetzt mit dem Thema Digitalisierung befassen.
Das folgende sind Puzzlesteine. Ich sammle sie und behaupte in keiner Weise, dass ich sie schon richtig zusammen setzen könnte; nicht alle haben unmittelbar mit der Digitalisierung zu tun. Die Leser/innen sind herzlich eingeladen, mit zu puzzlen, und weitere Steine beizutragen.

More for Less – oder wo ist eigentlich das Problem?

Die Arbeitsgemeinschaft für Kanzleimanagement hat im letzten Jahr einen sehr spannenden Workshop zum Thema „Diskontinuierlicher Wandel: Chancen und Risiken für Anwälte in Deutschland“ veranstaltet. Wir waren zu meiner Überraschung nur 12 Teilnehmer, davon der größte Teil aus kleineren und mittelgroßen Kanzleien und 3 aus der „Anwaltszulieferer-Industrie“. Ungefähr die Hälfte der Anwälte meinte, dass die Digitalisierung für ihre Kanzlei kein Problem bilden werde. Es komme (das ist von mir jetzt zugegebenermaßen verknappt dargestellt) nur darauf an, die Mandanten individuell und hochwertig zu betreuen, dann würden sie schon bei einem bleiben. Die andere Hälfte (zu der ich mich zähle), war sich nicht so sicher, dass ein „weiter so wie bisher“ ausreichen wird.

Meines Erachtens wird sich die Digitalisierung massiv auf unser berufliches Selbstverständnis, auf unsere Dienstleistungen und auf unsere Arbeitsweise auswirken. Dazu gibt es aber später noch Artikel von mir. In diesem Artikel möchte ich als erstes das sonstige Umfeld betrachten, das sich auf uns Anwälte in kleinen und mittelgroßen Kanzleien auswirkt.

Wieso sollte es Anwälten in der Digitalisierung anders als dem Rest des Marktes gehen?

Als erstes ganz platt: Wieso sollte der durch die Auguren vorhergesagte digitalisierungsverursachte Arbeitsplatzabbau ausgerechnet an der konservativen wenig technikaffinen Anwaltsbranche vorbeigehen?
Nicht plausibel, oder?

Sterben die Wald-Feld-und-Wiesenanwälte endgültig aus?

Stand der Technik ist, dass sich ein Anwalt klar im Markt als Experte positionieren muss, um überhaupt noch im Marketinggetümmel von Social Media, Internet und Netzwerken wahrgenommen zu werden.
Mir ist es ein Rätsel, wie man heute noch ohne Spezialisierung arbeiten kann. Die Mandanten, die zu mir kommen, wollen Spezialisierung.
Die Themen werden immer komplizierter, Informationen werden immer zugänglicher – aber wie soll man sie (haftungssicher) verarbeiten, wenn man von einem Rechtsgebiet keine Ahnung hat?
Ich mag mich irren, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie die Kollegen, die immer noch als Wald-und-Wiesen-Einzelkämpfer unterwegs sind, mittel- bis langfristig überleben wollen.
Allerdings irritieren mich die Zahlen der Bundesrechtsanwaltskammer. Hiernach haben bisher nur ca. 25% der Anwälte einen Fachanwaltstitel.
Was mich auch irritiert: Die Bundesrechtsanwaltskammer verkauft das als Erfolg („Schon 25% haben einen FA-Titel“)!
Viele Kolleginnen und Kollegen haben mehrere Titel, Dreiviertel der Anwaltschaft hat aber keinen. Erfolg?
Man vergleiche das mit den Ärzten. Hier gibt es rund 360.000 berufstätige Ärzte und Ärztinnen, von denen rund 106.000 ohne Facharzttitel tätig sind, also ein Drittel.
Der Rest ist Facharzt, und jährlich kommen über 10.000 dazu.
Dagegen nimmt die Fachanwaltszahl nur um rund 2.500 pro Jahr zu (wobei ich jetzt mal diejenigen ignoriere, die ohne Fachanwaltstitel ein klares Kanzleiprofil aufweisen, und ihre Spezialisierung anderweitig dokumentieren). Im Internet geht es ja häufig erstmal um das Etikett „Fachanwalt“. Wieviel oder wenig Kompetenz sich dahinter verbirgt, ist nicht ohne weiteres erkennbar.
Diese statistische Entwicklung, wie die BRAK sie aufzeichnet, finde ich jedenfalls noch nicht überzeugend, und ich fürchte, dass wird nicht gut ausgehen für die unspezialisierten Kollegen.
Dasselbe gilt meines Erachtens für Anwaltskanzleien, die nach außen keinerlei Kanzleikonzept ausstrahlen und dadurch in der Masse versacken.
Die Leserin, der Leser prüfe sich selbst: Sind sie heute noch so treu, wie Sie es als Kunde früher waren, oder sind Sie wechselbereit, wenn die Erfahrung mit dem Dienstleister nicht stimmt?
Wohin wechseln Sie dann? Wie informieren Sie sich vorher? Eben.

Die Demografie wirkt auch bei den Anwälten

Auch in unserer Berufsgruppe werden wir – wie der Rest der Gesellschaft – immer älter. 1986 waren Dreiviertel aller Anwälte noch jünger als 50 Jahre. 2012 waren es nur noch knapp 61%. 39% sind also älter als 50. Inzwischen haben wir mehr als 160000 Anwälte. Wenn von diesen in den nächsten 15 Jahren 40% in Rente gehen, müssten 64000 Anwälte nachwachsen, um das auszugleichen. Laut Statistik der BRAK wächst die Anwaltschaft derzeit aber nur jährlich um 0,52%, also 850 Anwälte pro Jahr (in 2015 ist der Mitgliederbestand im Bezirk „meiner“ Rechtsanwaltskammer Karlsruhe sogar gesunken. Hierbei haben mehr Kollegen auf die Zulassung verzichtet als durch Neuzulassungen hinzukamen).
Altersstatistik Anwälte
Wenn das so bleibt, wären das in 15 Jahren nur rund 13000 hinzukommende Anwälte. Schon aus demografischen Gründen wären wir unterm Strich also gut 50000 Anwälte weniger (falls jetzt nicht ein Statistiker kommt, und mir erklärt, dass ich so ganz bestimmt nicht rechnen kann. Stimmt denn zumindest die Tendenz?**). Diese Zahlen überraschen mich gerade sehr, machen aber meine ganz oben genannte schlechtgelaunte Prognose wahrscheinlicher, wenn auch aus anderen Gründen (ist mir doch egal, weshalb ich recht habe ;-).
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** Nachtrag im Juni 2018: Im Anwaltsblatt 4/2017, S. 408ff. schreibt Kilian sehr erhellend über die Entwicklung der Altersstruktur in der deutschen Anwaltsschaft, abrufbar hier: https://anwaltsblatt.anwaltverein.de/de/anwaltsblatt/print-archiv?year=2017. Im Ausblick schreibt er: „Eine nähere Analyse der Alterstruktur (und der Berufserfahrung) der Anwaltschaft belegt ein kontinuierlich steigendes Durchschnittsalter der deutschen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte. Aufgrund der zuletzt stark rückläufigen Zahl der Neuzulassungen wird sich der „Alterungsprozess“ der Anwaltschaft intensivieren“.
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Trend zur größeren Kanzlei?

Der Jurist an sich wird eher nicht als Teamplayer betrachtet, wie die folgenden beiden Witze belegen. Es waren übrigens die einzigen beiden, die ich netzweit gefunden habe, die von mehr als 2 Anwälten handeln. Das ist zum Thema „Teamwork unter Anwälten“ vielleicht schon an sich kennzeichnend.
Two lawyers were out hunting when they came upon a pair of tracks. They stopped and examined the tracks closely.
The first lawyer announced, „Those are deer tracks. It’s deer season, so we should follow the tracks and find our prey.“
The second lawyer responded,“Those are clearly elk tracks, and elk are out of season. If we follow your advice, we’ll waste the day.“
Each attorney believed himself to be the superior woodsmen, and they both bitterly stuck to their guns.
They were still arguing, when the train on the railroad track hit them.
(Ich hoffe nicht, dass es uns so auch mit der Digitalisierung ergeht…).
Zwei Anwälte sind auf Löwenjagd in Afrika. Erschöpft von der vergeblichen Pirsch lehnen sie ihre Gewehre an einen Baum, um sich am nahen Bach zu erfrischen. Kaum haben sie das Bachufer erreicht, taucht der Löwe auf und schneidet ihnen den Rückweg zu den Gewehren ab. Sofort fängt einer der Anwälte an, seine Stiefel auszuziehen. Erstaunt fragt der andere: „Glaubst Du etwa, Du kannst einem Löwen davonlaufen?“ „Nein – ich muß nur schneller laufen als du.“
(Quelle: Juristenwitze auf der Seite von  Prof. Dr. iur. Joachim Loeffler)
Trotzdem gibt es einen Trend zur Anwaltsgesellschaft. Die Anwaltschaft insgesamt wächst in den letzten Jahren nur noch geringfügig, aber die Anwälte wählen immer häufiger Anwaltsgesellschaften als Organisationsform. Von 2011 bis 2015 stieg die Anzahl von Anwaltsgesellschaften von 3.264 auf 4.430 an; und das sind nur die Rechtsformen, welche die BRAK zählt, nämlich Partnerschaftsgesellschaften, RA-GmbH, RA-AG und RA-UG. Nicht in der Statistik aufgenommen werden Sozietäten, die als GbR organisiert sind und ausländische Rechtsformen wie z.B. die LLP.
Organisation von Anwälten in Gesellschaften
Die Zuwächse liegen in diesen Jahren jeweils zwischen gut 5 und knapp 10%. Die Einführung der Partnerschaftsgesellschaft mit beschränkter Berufshaftung spielt hier eine große Rolle. Von den 3716 PartG sind bereits 843 solche mit beschränkter Berufshaftung.
Dazu, wieviele Anwälte sich in solch einer Gesellschaft organisieren, ist damit natürlich noch nichts gesagt.
Jedenfalls macht sich das auch schon an anderer Stelle bemerkbar: Ein Produktmanager einer Anwaltssoftware berichtete mir darüber, dass sich aus seinem Kundenstamm vermehrt Einzelkämpfer und kleinere Kanzleien mit anderen zusammenschließen.

Technisierung in der Bürogemeinschaft?

Ich denke, das müsste tatsächlich ein echter Trend sein. Gemeinsam lässt sich der Kostendruck besser tragen. Wenn man die Berufsordnung ernst nimmt, muss es dann allerdings auch wirklich eine echte Gesellschaft sein, und nicht nur eine Bürogemeinschaft. Denn mehr als einen gemeinsamen Kopierer dürfte die Bürogemeinschaft kaum gemeinsam nutzen. Die Daten aller Bürogenossen auf einem gemeinsamen Server zu lagern, damit die ReFa bequem über die Anwaltssoftware für alle arbeiten kann, verstößt schon gegen Berufsrecht. Dasselbe sollte für gemeinsame Cloudlösungen gelten.
Für gemeinsame Datennutzung müsste man also Sozietät sein. Das bedeutet gemeinsamer Außenauftritt, gemeinsame Kanzleistrategie, Gesellschafterversammlungen – ein Graus für den Individualisten. Wird sich jemand, der jahrelang als Einzelkämpfer unterwegs war, sich darauf wirklich einlassen?
Ich fürchte allerdings, dass auch der Zusammenschluss zur Sozietät noch nicht das Allheilmittel sein wird. Denn selbst mittelgroßen Kanzleien wird es schwer möglich sein, in der technisierten Welt mitzuhalten. Inzwischen ist eine Homepage schon nach 2-3 Jahren wieder veraltet. Software anzuschaffen, oder gar auf die eigenen Mandatsstruktur zugeschnitten programmieren zu lassen, ist inhaltlich ein großes Abenteuer und wirtschaftlich ein großer Brocken. Ein Partner einer Kanzlei mit 16 Berufsträgern berichtete mir gerade, dass sie sich eine Dokumentenverwaltung für rund 30.000 Euro zulegen wollen, weil diejenige der Anwaltssoftware, die man im übrigen gut finde, unzureichend sei.Bevor er die Investitionsentscheidung getroffen hat, ging ein halbes Jahr vorbei. Wieviel einfacher hat man es doch, wenn man solche Dinge an die Einkaufs- oder die IT-Abteilung delegieren kann.

Arbeitskräftemangel

Wie oben schon gezeigt, werden immer weniger Menschen Anwalt. Von den Berufsanfängern generell sagt man, dass sie lieber bei großen Arbeitgebern arbeiten, und sich nicht selbständig machen wollen. So höre ich das auch von den Kanzleien, die derzeit Personal suchen.
Umso mehr werden kleine und mittlere Kanzleien, die weder eine schlüssige Kanzleistrategie aufweisen, noch mit guter technischer Ausstattung punkten können, als Arbeitgeber abgehängt werden.
Ich weiß außerdem von mehreren mittelständischen Kanzleien, die bereits jetzt händeringend Nachfolger für ausscheidende Partner suchen. Also auch in den oberen Rängen wird es bereits dünn.
Sich auf die alte Weise selbständig zu machen, neben der vielen Arbeit auch noch den Akquiseaufwand zu haben, schreckt viele ab.
Wie man liest, werden auch Rechtsanwaltsfachangestellte zukünftig Mangelware.

Möglichkeiten

Diese Puzzlesteine geben noch kein ganzes Bild, wie gesagt. Geschweige denn könnte ich behaupten, dass ich schon wüsste, wie das Überleben für die kleine und mittelgroße Anwaltskanzlei funktionieren kann. Ich fange ja erst an zu verstehen, was da überhaupt los ist. Eine meiner ersten Ideen war jetzt, mein eigenes Umfeld zu verändern. Ich rede zur Zeit mit einem Softwareanbieter darüber, gemeinsam ein Tool zur Dokumentautomation zu entwickeln. Zu meiner Überraschung war er interessiert. Unabhängig davon was aus diesem Projekt wird, tut mir das Nachdenken über meine Möglichkeiten gut. Ich verändere mein tägliches Arbeiten, halte Ausschau nach Tools, mit denen ich mir manche Schritte vereinfachen kann. Auch dazu werde ich berichten. Jedenfalls ist es eine spannende Zeit.
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